Geschichten von Betreuerinnen
Harte Realität

Harte Realität

Autorin: Jana J. / 13.10.2018

Jeder erwartet eine Geschichte voller Emotionen, Aufregung, unerwarteten Wendungen und vielleicht auch ein bisschen Spaß. Die Arbeit einer Pflegerin ist kein amerikanischer Film, sondern unendlich harte Arbeit, oft mit einem dramatischen Ausgang. Und so tippe ich die tagtägliche Wahrheit in mein Tablet rein. Ich bin hier, unter den wunderschönen Alpen und fange den fünften Pflegetag bei einem 87-jährigen Klienten an. Das Telefon klingelt!

Etwas Finsteres ist in der Luft. Es ist ein Anruf von zu Hause. Meine mittlere Tochter liegt im Krankenwagen und ich habe das Gefühl, dass ich gleich auch eins brauche. Wer wird ihr helfen? Der Vater ist unbrauchbar, seine einzige Sorge ist, genug Geld für Alkohol von seinen Freunden zu erbetteln. Diagnose: Schlaganfall. Ich sinke auf die Knie. Bei so einem jungen Mädchen? Wie ist es möglich? Was folgt nun? Unfassbare Hilf- und Hoffnungslosigkeit. Mein ganzer Körper zittert, der Mund ist trocken wie eine Wüste und ich fasse nach einem Glas Wasser. Ich selbst brauche akut Hilfe und erkenne mich nicht wieder. Ich, so eine starke, vom Leben schwer geprüfte Frau ... Frustriert und in Schock ergreife ich mein Handy und rufe zu Hause an mit einer Bitte um Hilfe und Intervention im Krankenhaus. Nach einer kurzen Weile, die mir wie eine Ewigkeit vorkam, kam eine weitere schlechte Nachricht – die Diagnose wurde bestätigt. Die verzweifelte Angst um das Leben meines Kindes schnürte mir den Hals zu. Nach einigen unendlichen Anrufen, unter Einfluss von schlechten Nachrichten, falle ich in einen unruhigen Schlaf – wenn man es so nennen will. Morgen muss ich arbeiten. Niemand kann hier für mich einspringen, mein Zuhause ist weit weg und wie soll ich zu meiner Tochter gelangen? Am nächsten Morgen erwarten mich verpasste Anrufe und eine Mailbox voll von Nachrichten von meinen Bekannten in der Slowakei. Ich hatte mit Nachrichten über meine Tochter gerechnet. Was ist los? Wieder werde ich in die Knie gezwungen. In der Slowakei kamen sechs Pflegerinnen bei einem Minibusunfall um, alles unschuldige Mütter. Was geht hier vor sich? Wodurch machten sich diese tapferen Wesen schuldig? Ich hätte auch in dem Minibus sein können. Wer wird sich jetzt um ihre Familien und Kinder kümmern? Ich kann mich nicht gut konzentrieren, bin verwirrt. Ich muss mich überwinden, muss telefonieren, weiß nicht, was mit meiner Tochter los ist, und daneben muss ich mich um meinen Klienten kümmern. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl, dass mein Gehirn die Realität nicht voll begreifen kann.

Eine Nachricht aus dem Krankenhaus: Meine Tochter ist nach dem Schlaganfall wieder ansprechbar.  Es folgt ein Transport nach Bratislava. Sie erlaubten ihr, mit ihrer Mutter zu sprechen. Eine schmerzhafte Erfahrung ... Das Weinen und die Angst um das Leben meines jungen, hübschen Mädchens versetzte meinem Herzen den endgültigen Schlag. Sie hatte Angst und machte sich Sorgen. Es klang fast absurd, als sie sagte, sie müssten ihr die Haare abschneiden. Sie hatte wunderschöne lange Haare, die ihr sehr gut standen. Sie wollten ihr den Schädel öffnen und das Gehirn operieren, um die Stelle mit der Blutung zu entfernen.

Die Tage vergingen und meine Tochter erholte sich langsam. Der Arzt leistete tolle Arbeit mit dem Skalpell. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie verbunden ich diesem Profi bin. Ich knie in einer stillen, wunderschönen kleinen Kirche in einer Alpenstadt. Ich halte Kerzen in den Händen und bete leise für die Genesung meiner Tochter und für ein langes Leben ihres Retters. Ich zünde Kerzen für meine Kolleginnen und den Fahrer an, die nicht so viel Glück hatten. Obwohl ich ihnen nie begegnete, habe ich das Gefühl, dass sie mir nah sind. Eine Woche später fahre ich mit einem Nachtbus für Pflegerinnen nach Hause zu meinen Töchtern. Ich freue mich sehr auf Zuhause, wie die verstorbenen Kolleginnen es auch taten. Drücken Sie mir die Daumen!

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