Geschichten von Betreuerinnen
Aus dem Tagebuch ...

Aus dem Tagebuch ...

Autorin: Nika C. / 15.09.2018

Es sind noch ein paar Tage bis Weihnachten. Die Weihnachtsatmosphäre ist überall zu spüren und ich fahre mit dem Zug nach Hause. Ich freue mich. Ich habe einen Koffer voller Erinnerungen und Erfahrungen von einem weiteren 2 Wochen langen Turnus bei mir. Draußen friert es und es fehlen nur noch Schneeflocken. Es passierte sehr schnell und ähnlich schnell vergeht auch unser ganzes Leben.

„Das Leben sollte man eher an der Tiefe als an der Länge messen, eher an den Gedanken und Taten als an der Zeit.“
Miguel De Unamuno Y Jugo

Was spielt sich in den Köpfen von Menschen ab, deren Leben sich langsam dem Ende neigt? Ich gebe zu, oft habe ich keine Ahnung, aber ich bin mir sicher, dass die Pflegerin ein Zwischenglied ist, der diesen Menschen helfen kann. Bei der Arbeit erlebte ich öfter Undankbarkeit, was an dem Charakter oder dem Gesundheitszustand der betreuten Person lag. Trotzdem hoffte ich immer, dass – obwohl der Mensch so tut, als ob er mich nicht da haben wollte – in seinem Herzen eine kleine Flamme brennt, die mit der Zeit stärker wird und die ich später auch zu spüren bekomme.

„Ohne Hoffnung zu leben bedeutet, mit dem Leben an sich abzuschließen.“
Fjodor Michailowitsch Dostojewski

„Vor mir ist noch ein langer, geradezu unendlicher Weg, bis ich zu Hause bin,“ denke ich, nehme mein Tagebuch aus der Tasche raus und blättere es durch ... Schon als kleines Mädchen schrieb ich meine Erlebnisse gerne in einem Tagebuch auf und dasselbe mache ich auch bei dieser Arbeit. Ich hoffte immer, dass ich zu jedem Menschen, um den ich mich kümmerte, viele ausgefüllte Zeilen habe – das würde bedeuten, dass ich bei ihm eine lange Zeit verbrachte. Doch leider war es nur selten der Fall und aus der Geschichte wurde meistens nur ein kurzes Kapitel. Ich würde jeder Pflegerin empfehlen, ein Tagebuch zu führen, in dem sie ihre Emotionen ausdrücken kann. Sei es Traurigkeit, Sorgen, Sehnsucht nach Freunden und Familie, aber auch fröhliche Momente. Man spürt oft ein Verlangen, sich auszusprechen, aber tagsüber ist keiner da, dem wir unsere Probleme anvertrauen könnten und wir verschließen sie in unserem Inneren. Da zählt man schon die Tage, bis man endlich nach Hause fährt, aber in der Seele trägt man einen riesigen Felsblock, der ständig wächst, bis er uns erdrückt. Als ich alte Menschen in Österreich betreute, versuchte ich abends oft, meine Gefühle auf Papier zu bringen.

Beim Durchblättern des Tagebuchs blieb ich bei der längsten Textpassage stehen, die ich an einem Tag geschrieben hatte.  Ich muss nicht mal das Datum sehen und weiß trotzdem gleich, wann es war:

„26/10 – Heute ist hier Nationalfeiertag. Ich fühle mich allein, nicht gebraucht und in der Seele weine ich ... Birgit ist sehr schlecht drauf. Ich glaube, sie hat nur noch wenige Tage übrig. Ihre Tochter und der Arzt kamen vorbei, blieben aber nicht lange. Die Prognose sei alles andere als positiv. In vier Tagen fahre ich nach Hause. Ich würde mir wünschen, dass Birgit wenigstens so lange bei uns bleibt. Sie ist eine starke Frau und große Kämpferin. Die letzten Tage nimmt sie nicht viel Nahrung zu sich, aber wenigstens ein Glas Wasser lehnt sie nicht ab. Jeden Tag wird es schwieriger, aber Frauen wie sie geben doch nicht auf ... “

Birgit hatte schweren Diabetes mellitus Typ 2, ihre Glykämie schwankte oft und die Insulindosen, die sie sich spritzen musste, schienen ihren Bedürfnissen nicht zu entsprechen. Ihr großes Unglück war jedoch auch Osteoporose. Kurz bevor ich zu ihr kam, hatte sie eine schwere Operation der Wirbelsäule, weswegen sie ständige Pflege brauchte. Als ob sie nicht genug Probleme hätte, verschlechterte sich in den letzten Monaten ihr Sehvermögen stark und damit auch ihre Selbstständigkeit. Trotzdem blieb sie noch lange ganz munter. Sie hatte zwei Kinder – eine Tochter und einen Sohn. Der Sohn starb als er 17 war. Der Tochter nach habe sie sich nie damit abfinden können. Birgit war eine außerordentlich rege und arbeitsame Frau. Sie ließ nicht viele Leute nahe an sich ran, war sehr umsichtig und misstrauisch. Als ich sie zum ersten Mal sah, dachte ich gleich, dass diese Oma eine harte Nuss sein würde und dass ich keine Chance bei ihr hatte. Unter der harten Schale verbarg sich jedoch ein Schatz. Bei dieser Frau dachte ich, dass die am Anfang erwähnte Flamme gleich ausgeht, aber sie hielt sich relativ lange, bis offensichtlich wurde, dass sie Hilfe bei den täglichen Tätigkeiten braucht und sie schließlich vollkommen auf meine Hilfe angewiesen war.

„Der Tod ist nur ein weiterer Weg, den wir alle gehen müssen.“ 
John Ronald Reuel Tolkien

Der Pflegerinnenberuf fordert große Opfer. Der Anfang ist am schwierigsten und meistens sehr anspruchsvoll, aber so ist es überall. Man sollte keine Angst vor Herausforderungen haben und jede Chance nutzen – wie ich es tat. Die Angst lasse zu Hause. Die größte Freude ist, wenn man nach zwei Wochen nach Hause kommt und die ganze Familie glücklich ist, dass man endlich da ist. Aber genauso angenehm ist es, wenn die Oma oder der Opa auf der anderen Seite es nicht abwarten kann, dass du zu ihnen kommst, weil sie dich lieb gewonnen haben und du für sie schon ein Familienmitglied bist.

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