Geschichten von Betreuerinnen
Maria

Maria

Autorin: Monika / 04.06.2018

Jeder schreibt seine Lebensgeschichte allein, aber für Maria, die ich fast ein Jahr lang betreute, muss ich sie leider selbst niederschreiben. Als ihre Pflegerin und gute Freundin.

Zu Freundinnen wurden wir in der Einrichtung, in die Maria eines Tages nach der Weihnachtszeit unter besonderen Umständen kam, nachdem ihre Nachbarn sie in einem schlechten Zustand entdeckt hatten. Ihr hungriger, frei herumlaufender Hund griff jeden an, der der alten und kranken Frau helfen wollte. Und als jemand endlich zu ihr gelangen konnte, war Maria in einem trostlosen Zustand – ohne Medikamente, ohne Hygiene, ohne Heizung...Der Bürgermeister zusammen mit dem Priester und meinen Kollegen aus einer wohltätigen Einrichtung brachte Maria zu uns. Meine Arbeit hier würde ich für nichts auf der Welt tauschen.

Obwohl ich „erst“ 31 bin, bin ich Pflegerin seit fast einem Jahrzehnt, mit einer kleinen Pause wegen Mutterschaftsurlaub. Aber selbst dann hörte ich nicht auf, über meine Arbeit nachzudenken und an meine Omas und Opas zu denken, die ich wegen Mutterschaftspflichten für eine Weile verlassen hatte. Ich kehrte an dem Tag zur Arbeit zurück, als Maria zu uns kam und ich gewann sie sofort lieb. Was anderes wäre überhaupt nicht denkbar, denn Maria war trotz ihrem harten Lebensweg, den sie mehr oder weniger allein gegangen war, immer gut gelaunt. Sie hatte stets ein Lächeln auf den Lippen und eine witzige Bemerkung parat. Auch die häufigen Arztbesuche brachten uns näher, weil wir uns im Warteraum immer lange unterhalten konnten. Sie war eine bescheidene Frau mit tiefen christlichen Werten und mit ihrer Weisheit und Erfahrung bezauberte sie jeden, der mit ihr in Kontakt kam. Die Parkinson-Krankheit beeinträchtigte zwar ihr Leben, doch mit Humor konnten wir sie fast übersehen. Sie verpasste keine Aktivitäten in der Einrichtung und liebte besonders die Kinderaufführungen, vielleicht, weil sie keine eigenen Kinder hatte. Ich werde niemals ihr besonderes Lächeln und die Tränen in ihren Augen vergessen, als ich meine eigenen kleinen Töchter zu ihr brachte. Die beiden setzten sich gleich zu ihr und plauderten los. Maria blieb hinter ihnen überhaupt nicht zurück und schon plante sie ein weiteres Treffen. Zu den Zeichen der Parkinson-Krankheit gehört auch, den Körper nicht mehr gut kontrollieren zu können. Da nickte mir Maria einmal beim Essen zu und sagte: „Schmecken tut’s mir gut, aber ich hab schon auch geschickter gegessen,“ und sie begann zu lachen. Wenn ich sie fütterte und ihr half, vergaß sie nie, nach meinen Töchtern zu fragen. Sie wollte immer wissen, ob ich ihnen ihre Lieblingsspeisen zubereitet hatte. Sie gab mir neue Rezepte und da sie eine berühmte Köchin war, bat ich sie oft um Rat, wenn ich einem Gericht den richtigen Geschmack verleihen wollte. Als ich einmal tagsüber in ihr Zimmer kam, um zu fragen, ob ihr etwas fehlt, erwischte ich sie beim Träumen. Als ob sie meinen Blick gefühlt hätte, öffnete sie die Augen, sah mich an und fragte verwundert: „Warum siehst du mich denn so an?“ Wegen ihrer Krankheit klang es ein wenig schroff. Und ich, mit einem überraschten Lächeln, konnte nur erwidern: „Aber nichts, ich kam nur, um Sie zu sehen.“ Sie erwiderte fröhlich: „Na, du hast mich schon gesehen, also kannst du wieder gehen.“ Da mussten wir beide lachen, denn wir verstanden uns einander.

Ich werde sie nie vergessen. Sie war einfach toll, unendlich nett und dankbar. Sie vergaß nie, mich und meine Kolleginnen zu loben, weil sie angeblich „wie ein Baby“ betreut wurde. Sie war tatsächlich wie ein „Baby“ für uns. Und für mich persönlich bedeutete sie viel mehr, denn wenigstens während der kurzen Zeit, in der ich sie durchs Leben begleiten dürfte, ersetzte sie meinen Kindern die Großmutter. Im Sommer verließ uns Maria für immer, doch sie bleibt auf ewig in meinem Herzen – für all das, was sie war und was sie in mir hinterließ.

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