Geschichten von Betreuerinnen
Oma

Oma

Autorin: Gabriela K. / 16.07.2018

Mein Arbeitsplatz ist ein Ort, an dem ich unendlich viele Geschichten erlebe. Ganze Leben schlafen in kleinen Zimmern und wachen dort auf, vollkommen nackt und wahrhaftig – in den Augen eines Menschen, in den von der Zeit geschriebenen Falten, in den grauen Haaren, in denen man das ganze Lebenslied wie von einem Notenpapier abspielen kann.

Mein Name ist Gabriela. Zu dieser Arbeit zu kommen war ein langer Weg. Tausende Schritte durch verschiedene Krankenhausabteilungen – Intern, Zahnchirurgie, Intensivpflege, Urologie ... Die Siege und die Niederlagen des Lebens. Ich sah Glück, Ratlosigkeit, Verzweiflung, Angst, aber auch Hoffnung und Lebenswillen. Der Job machte mir Spaß und war sinnvoll, aber es war, als ob etwas fehlte – mehr Raum für eine Berührung des Menschen, mehr Raum für ein Gespräch. Die ständige Krankenhaushektik kostete viel Zeit und ich konnte mich den Patienten nicht so lange widmen, wie ich es gern getan hätte. Ich fing an, ein Verlangen nach Veränderung zu verspüren. Ein Altersheim. Altersheim? Ich entschied mich.

Willkommen in meiner Welt, wo jeder Tag eine neue Geschichte bringt. Diese ist eine von vielen ... eine Erinnerung:

„Grüß Gott, Großmütterchen!“ „Grüß Gott. Wer bist du denn?“ Ich habe dich hier noch nie gesehen.“ „Ich bin neu hier, mein Name ist Gabika. Sie sind Frau Anna, nicht wahr?“ Die Großmutter sah mich durch eine abgenutzte Brille an. „Ich habe Ihnen Medizin mitgebracht.“ Ich schüttelte in das zitternde Händchen eine Handvoll Medikamente. „Sie haben ganz schön viel davon.“ „Muss ich auch alles nehmen?“, fragte sie. „Das müssen Sie, Großmütterchen. Sie haben da was für den Blutdruck, für das Herz, fürs Pipi machen und für den Schmerz.“ „Ja, gegen Schmerz brauche ich schon etwas. Der macht mir zu schaffen. Das Herz auch – es zappelt manchmal. Es hat ja was erlebt. Auch Krieg und Armut. Wir haben von Null angefangen. Der Krieg hat uns das Dach über dem Kopf weggenommen. Ich bin allein mit drei Kindern geblieben. Es war hart, aber sie haben die Schule fertiggemacht und Arbeit gefunden. Deshalb bin ich ja hier – weil sie immer nur arbeiten müssen und keine Zeit haben. Die Enkelkinder auch. Die sind über die ganze Welt verstreut, ich weiß nicht mehr, wo genau. Vielleicht kommen sie, wenn sie Urlaub haben. Sie waren schon lange nicht hier. Und die Kinder, die kommen sicher vorbei, wenn die Pension kommt, um die Medikamente zu bezahlen und um etwas dazu zu tun, damit genug da ist. Die Pension ist klein. Guck mal, hier sind sie auf dem Foto. Möge das Kreuzchen sie beschützen – ich brauche nicht mehr so viel Schutz. Ich wünschte nur, dass sie öfters vorbeikämen. Wir könnten im Garten spazieren gehen. Du weißt schon, in unserem Park, im Rollstuhl. Wie du siehst, die Beine gehorchen mir nicht mehr. Sie haben ja einen langen Weg hinter sich. Schau, die Hände auch – die haben viel Arbeit geleistet. Auch für fremde Leute, aber so war es damals. Es gab immer viel Arbeit. Vielleicht kommen sie am Samstag oder Sonntag. Ich werde mich nach der Kirche beeilen, falls sie kommen ... Ich halte dich nur auf, meine Liebe, und die Arbeit bleibt stehen. Milch zum Frühstück – das mag ich. Ich habe ja ganz schön viel selbst gemolken. Daran erinnere ich mich gerne. Ich erinnere mich an Vieles, was vor langer Zeit war, aber was gestern war, das vergesse ich oft. Danke für die Medizin.“ „Ich komm ja noch mal, Großmütterchen. Einfach klingeln, wenn Sie etwas brauchen.“

Jeden Tag oder jede Nacht hörte ich der Großmutter zu, wie der Märchenprinz der Scheherazade zuhörte. Immer eine neue Geschichte, mal traurig, mal lustig. Die Tage und Nächte vergingen wie im Flug und der Frühling löste den Winter ab. Der heiße Sommer heiterte Großmutter auf – in der Sommerzeit würde doch sicher jemand kommen. Das Herbstlaub färbte die Welt bunt, die Regentropfen wuschen die nackten Äste und der Winter schlich langsam aber sicher unter den Mantel der Zeit.

„Guten Morgen, Großmütterchen! Haben Sie gut geschlafen? Haben Sie etwas Schönes geträumt?“ „Oh ja, ich habe geträumt. Alle sind gekommen, auch selbstgebackenen Kuchen haben sie mitgebracht – allein hätte ich ihn gar nicht essen können. Guck mal, ich habe ja nur einen einzigen Zahn übrig und auch der wackelt.“ „Na jetzt werden sie sicher kommen, wenn Sie davon geträumt haben. Heute ist Badetag, Sie werden blitzsauber sein und schön duften. Wir werden Ihnen das Haar waschen, Sie föhnen und kämmen – genauso, als Sie jung waren. Das heiße Wasser wird Sie aufwärmen.“ „Das könnte ich gut gebrauchen, heute ist es mir irgendwie kalt. Ich musste mich auch mit der Decke zudecken. Und Socken und Pulli habe ich auch angezogen. Den Pulli habe ich selbst gestrickt ...“

„Sooo – und fertig. Jetzt können sie kommen. Sie duften schön und die Haare – schön weiß wie der Schnee.“ „Ich habe sie ja noch nie gefärbt. Gut, meine Liebe, deck mich bitte zu, ich werde noch ein bisschen schlummern, mich ein bisschen aufwärmen ...“

Sie schlief ein ... Ein Lächeln auf den Lippen, Hände im Gebet zusammengelegt, ein Rosenkranz dazwischen.

Sie schlief ein ... Und der Traum wurde wahr ... Alle kamen ... Nur sie ging fort ...
Obwohl, sie ist ja noch immer hier. In uns – in unseren Erinnerungen.
Vielen Dank, Großmütterchen!

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