Geschichten von Betreuerinnen
„Was ist Leben?“

„Was ist Leben?“

Autorin: Laura S. / 16.08.2018

Ich heiße Laura, bin 23 Jahre alt und möchte Ihnen meine Geschichte als Pflegerin erzählen. Ich wuchs ohne Eltern auf. Als ich klein war, gaben sie mich auf und ich kam in ein Waisenhaus. Dort begann mein neues Leben. Alle Menschen, die sich da um mich kümmerten, waren sehr gut und ich wusste, mir hätte nichts Besseres passieren können. Bis heute habe ich keine Ahnung, was aus mir geworden wäre, wenn mich meine „Eltern“ nicht in das Waisenhaus gegeben hätten.

Unser Waisenhaus war vollkommen anders als die anderen Waisenhäuser. Es waren dort Babys, Kinder im Alter von zehn bis 15 sowie alte Menschen. Ich dachte nie viel nach, was ihnen passiert war und weshalb sie im Heim waren. Einmal, als ich von der Schule nach Hause ging, entschied ich mich, eine Freundin zu besuchen. Sie war älter als ich (28) und arbeitete in einem Seniorenheim. Als ich die Tür öffnete und die alten Menschen in den Betten liegen sah, kamen sie mir einsam vor und taten mir leid. Ich wusste nicht, was es bedeutet, eine Oma und einen Opa zu haben, und auf einmal sah ich so viele alte Leute, die auch niemanden hatten. So viele Seelen – ich stand nur da und schaute. In dem Moment wurde mir klar: Das, was ich in der Zukunft machen will, ist Menschen zu helfen. Ich war 13 und immer kam ich mir so anders vor – ich war nicht wie die anderen Kinder. Einmal, als ich 10 Jahre alt war, ging ich zum Erzieher und fragte: „Onkel Lacko, was ist Leben?“ Bis heute kann ich mich an seinen Gesichtsausdruck erinnern. Ich fand viele verwandte Seelen im Heim. Nach der Schule ging ich immer fröhlich nach Hause und freute mich darauf, alle zu sehen und umarmen zu können. Am liebsten hatte ich Oma Anička, die für immer in meinem Herzen ist. Es war Liebe auf den ersten Blick. Ich sah und fühlte, dass sie mich brauchte, so wie ich sie brauchte. Wir waren jeden Tag zusammen, ich las ihr vor, wir unterhielten uns stundenlang, spazierten durch die Abteilung und aßen zusammen. Zuerst fütterte ich sie und dann aß ich. Ich wartete immer, bis sie einschlief, aber vorher las ich ihr aus einem Buch vor. So ging es ein Jahr lang. Wir waren uns sehr nah und ich wollte mir nie eingestehen, dass sie sterben könnte. Als die Ferienzeit kam, ging ich aber für zwei Monate fort. Bis heute erinnere ich mich, wie sie nicht wollte, dass ich weggehe. Wegen ihrer Krankheit passierte es, dass sie mich ein paar Mal nicht erkannte, aber so schlecht war sie auch nicht drauf. Als ich nach zwei Monaten nach Hause zurückkehrte, ging ich gleich zu ihr. Ich öffnete die Tür zu ihrem Zimmer, doch sie war nicht da ... Vielleicht war sie in ein anderes Zimmer umgezogen? Ich durchsuchte die ganze Abteilung. Die Krankenschwestern sagten nichts – wahrscheinlich wollten sie, dass ich es selbst begreife. Doch ich wollte es mir nicht eingestehen, also ging ich zu ihnen und fragte, was los war. Es war Krebs. Ich werde mir immer ein bisschen vorwerfen, dass ich damals wegging und nicht bei ihr blieb, als sie mich am meisten brauchte – als sie fühlte, dass das Ende nah war. Ich werde dich niemals vergessen, Hanny. Ich weiß, dass du mein Schutzengel bist! Ich vermisste sie noch lange nach ihrem Tod. Ich war traurig und hatte keine Ahnung, wie ich weiter existieren sollte, doch ich wusste, dass ich darüber hinwegkommen muss. Ich meldete mich an einer Schule in Liptovský Mikuláš im Fach Pflegerin an. Ich wusste, dass ich Menschen helfen will. Ich wollte das Gefühl haben, dass Anička immer bei mir ist. Ich wollte nicht, dass das Band zwischen uns so weggeht, wie sie weggegangen war. Ich bin 23 Jahre alt und ich lernte so viele alte Menschen, so viele Seelen kennen ... Ich vermisse sie sehr. Jede Seele, der ich beim Sterben zusah, war außerordentlich. Am schwierigsten war für mich, dass ich nichts machen konnte, weil ich halt nur ein Mensch bin. Wenn es in meiner Macht stehen würde, würde ich alles tun, damit sie weiterleben können. Die ersten Jahre fand ich es sehr schwer, mich damit abzufinden, dass die Menschen kommen und gehen. Wenn ich ehrlich sein soll, habe ich mich damit immer noch nicht vollkommen abgefunden. Nicht jeder Mensch, den ich kannte und pflegte, war nett und liebenswürdig. Nicht jeder gewann mich lieb und nicht jeder hielt mich für seinen Schutzengel. Es ist ein unbezahlbares Gefühl zu wissen, dass man für jemanden mehr als eine bloße Pflegerin ist. Vorher hatte ich keine Ahnung, was ich im Leben machen wollte, aber als ich vor sechs Jahren anfing, diesen Beruf auszuüben, wusste ich, dass die Entscheidung richtig war. Mein letzter Job war in einer Sozialanstalt. Mir wurde Frau Maruška zugeteilt, die sehr kompliziert war. Es war sehr schwierig mit ihr. Sie wollte sich nicht in die Gemeinschaft einfügen, hatte Angst, war dickköpfig. Sie hatte ihr Sehvermögen verloren, sah mich also gar nicht. Umso schwerer war es für mich, denn auch wenn ich mich sehr bemühte, sie wollte mich nicht an sich ranlassen. Sie erlaubte mir nicht, sie besser kennenzulernen und mehr als bloße Pflegerin für sie zu werden. Als ich ihr zum ersten Mal sagte, dass wir baden gehen, dass ich ihr saubere Kleidung anziehen würde und dass sie schön und gepflegt sein wird, erwiderte sie, es sei ihr egal, sie brauche nichts, ich solle sie nur in Ruhe lassen. Also ging ich für eine Weile weg und kam später zurück. Irgendwie gelang es mir, sie zu überzeugen, dass ich kein böser Mensch bin und dass ich ihr nur helfen will. Schließlich erlaubte sie mir, sie zu duschen und seitdem ließ sie mich an ihrem Leben teilnehmen. Ich ging mit Freude zur Arbeit, denn ich freute mich auf sie. Ich holte sie nach draußen, erzählte ihr über mich, wie ich bin. Ich bemühte mich, ihr alles zu geben, damit sie nur nicht traurig ist. Als ich eines Tages zur Arbeit kam, sagte mir die Oberschwester, dass Frau Maruška in eine andere Abteilung ziehen würde, da sie schon besser drauf war und Fortschritte machte. Einerseits war ich glücklich, dass es ihr besser geht, andererseits wollte ich sie aber bei mir behalten. Sie selbst sagte mir, sie will bei mir bleiben, weil ich die einzige bin, die sie versteht. Ich sah ihr an, dass sie deswegen traurig ist, also tat ich alles, um sie in meiner Abteilung zu behalten. Schließlich blieb sie auch. Es gab auch Tage, an denen sie mich gar nicht sehen wollte. Beim Füttern goss sie das ganze Essen auf mich, aber ich wurde deswegen nie ärgerlich. Ich konnte sie verstehen und wenn es nötig war, war ich bei ihr. Wir schwiegen, aber wir verstanden uns. Eines schönen Tages teilte sie mir lächelnd mit, dass sie sich einer Augenoperation unterziehen würde und dass sie es nicht mehr abwarten könne. Ich war glücklich für sie. Das Erste, dass sie mir sagte, als sie mich zum ersten Mal richtig sah, war: „Laura, du hast aber nicht gesagt, dass du so dunkel bist.“ Ich fing gleich an zu lachen und umarmte sie fest. Sie mochte es nicht, wenn ich sie umarmte, aber in dem Moment brauchte ich es. Sie entschuldigte sich sogar für ihr schlechtes Benehmen und sagte, sie sei für alles dankbar – auch für mich. Maruška ersetzte mir alle verwandten Seelen meiner Engel. Obwohl ich nicht mehr in der Anstalt arbeite und im Ausland lebe, vergeht fast kein Tag, an dem ich mich nicht an sie erinnere. Über ihrem Bett hängen Fotos von uns beiden zusammen. Ich wollte, dass sie mich wenigstens auf diese Weise bei sich hat. Ich bin für alle Menschen dankbar, um die ich mich kümmerte. Es waren außerordentliche Menschen und sie sind es immer noch. Was mich betrifft, ich liebe meinen Beruf und würde ihn niemals tauschen. Die Arbeit einer Pflegerin ist schwierig, aber schön. Es geht nicht nur ums Windeln wechseln. Man muss den Menschen vor allem ein Stück von sich selbst geben – sie müssen Liebe, Aufrichtigkeit und Dankbarkeit spüren. Jeden Tag bedanke ich mich bei Gott und bete für alle, im Himmel sowie auf der Erde.

Ich danke allen, die meine Geschichte bis zum Ende lasen. Es ist ein Stück von mir.

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